EhGH urteilt: ausländische Versandapotheken dürfen zukünftig Rabatte auf verschreibungspflichtige Arzneimittel geben!

 

 

Viele Kollegen werden sich in der vergangenen Woche wie ich ungläubig die Augen gerieben haben, als der europäische Gerichtshof sein Urteil zu ausländischen Versandapotheken sprach. Das Urteil selbst und auch die Begründung  sind kaum nachvollziehbar. Schlimm genug eigentlich.

Das Echo in der Presse und das Durchhecheln der neuen Situation in diversen "Verbrauchermagazinen" zur besten Sendezeit im Fernsehen weckt dann jedes mal aufs Neue in mir das Verlangen, in den nächsten Tisch zu beißen. Wie kann es sein, dass die Versorgung mit Arzneimitteln aus dem Ausland kritiklos als Fortschritt hingestellt wird, nur weil sie vielleicht etwas billiger sein könnte, eventuell? Wie kann es überhaupt ein Fortschritt sein, wenn ausländische Firmen zu Lasten der deutschen Krankenversicherung Geschäfte machen? Weder zahlen diese Firmen in Deuschland Steuern, noch schaffen Sie Arbeitsplätze.

Wieso ist es ein Fortschritt, wenn man sein Rezept auf dem Postweg einschicken und dann einige Tage auf das Päckchen warten muss, anstatt seine Medikamente sofort in der Apotheke an der Ecke zu bekommen wo man bekannt ist und mit der Apothekerin oder PTA noch ein paar Worte zur Anwendung und zu Nebenwirkungen wechseln kann?

Wieso ist es ein Fortschritt unsere Bevölkerung aus dem Ausland mit Arzneimitteln versorgen zu lassen mit allen Risiken, die daran hängen wie Qualitätsmängel, Fälschungen, mangelnde Beratung und vieles mehr? Wieso ist es ein Fortschritt, wenn 155 000 familienfreundliche, wohnortnahe Arbeitsplätze ins Ausland verschoben werden? Wie kann es sein, dass bei allen Diskussionen darum anscheinend nur die Fachleute die Risiken die diese Entwicklung mitbringt erkennen können?

Ein Hauptproblem scheint zu sein, dass jeder meint, genau zu wissen, was ein Apotheker macht (nämlich für ein viel zu hohes Honorar Packungen aus der Schublade nehmen und an Patienten verkaufen) während kaum jemand weiss, worin denn die Arbeit eines Apothekers wirklich besteht. Nicht nur die jungen Frauen, die sich auf die ausgeschriebene Stelle für einen Apotheker bei mir in der Apotheke bewerben ohne irgendeinen Abschluss in irgendwas zu haben und dann völlig entgeistert fragen: muss man das etwa erst lernen? Warum das denn?? Sondern auch die (Lokal) Politiker in den Gesprächsrunden vor Ort, die dann fragen "Apotheker, braucht man da eigentlich irgendeine Qualifikation?" Und tatsächlich braucht man die (ein anspruchsvolles Hochschulstudium, das von ausländischen Fachleuten als vorbildliche Ausbildung von Apothekern gilt und nebenbei einen  Nummerus clausus mit einer eins vor dem Komma hat) allerdings nicht, wie gerne in den Neid Debatten angenommen, als formale Hürde um dann hemmungslos Geld scheffeln zu dürfen, sondern wir brauchen dieses Studium wirklich um unseren Job machen zu können. Wer ein klein wenig nachdenkt kann hier schon feststellen, dass der Job folgerichtig nicht darin bestehen kann, aus einer Schublade Packungen nach vorne zu tragen und in Tüten zu verpacken. Das ist nur das was man von außen sieht.

Es ist also kein Wunder, dass die Politiker, die zur Zeit über unsere Zukunft entscheiden, auch keine Ahnung davon haben, was sie da gerade so fröhlich vor die Wand fahren. Irgendwie haben die Apotheker anscheinend immer nur gemacht und sie waren einfach immer da, wenn sie gebraucht wurden, ohne groß darüber zu reden. Unsere Standesführung hat es bisher leider auch nicht hinbekommen den Menschen zu erklären was ein Apotheker so macht und nun ist es eventuell schon zu spät für Aufklärungsarbeit. Wir werden es dennoch versuchen, es werden Unterschriften gesammelt und es werden Werbespots geschaltet, man wird sehen, ob unsere Sorgen Gehör finden.

Einige Apotheken haben mit der ganzen Belegschaft die Politik angeschrieben und ihre Ängste formuliert. "Muss erst ein preisgünstiges, bewährtes, funktionierendes, menschliches System mit wohnortnahen Arbeitsplätzen kaputt gemacht werden, damit man im Rückblick erkennt, wie wertvoll dieses war?"  Es scheint immer so zu sein, dass die Dinge, die man hat wenig geschätzt werden, während das was Andere haben so viel interessanter und besser aussieht.

Letztlich haben aber bei allen politischen (Fehl)Entscheidungen Sie als Kunde es in der Hand! Sie können entscheiden, wohin Sie Ihr Rezept tragen und damit täglich neu abstimmen, welche Versorgung Sie damit erhalten wollen, die Versandapotheke im Ausland, oder die Apotheke vor Ort.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie auch im Namen meines Teams ein frohes, friedliches Weihnachtsfest und ein Gesundes Neues Jahr!

Ihre (Dorf) Apothekerin Claudia Cramer